«Wir haben Teilzeitarbeitende auf allen Hierarchiestufen»
Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) bietet ihren Mitarbeitenden eine Reihe von flexiblen Arbeitszeitmodellen – von der Jahresarbeitszeit bis hin zum Sabbatical für alle. René Rosenthaler, Personalverantwortlicher des Bereichs Logistik, berichtet von den Erfahrungen. Herr Rosenthaler, welches Arbeitszeitmodell haben Sie für sich selber gewählt?

Ich habe praktisch während meines ganzen Berufslebens 100 Prozent gearbeitet. Vor 25 Jahren hätte ich mir als frisch gebackener Familienvater jedoch ein Teilzeitengagement gewünscht. Teilzeitarbeit für Männer zugunsten der Familie galt damals aber noch als ziemlich exotisch und war weniger akzeptiert als heute. Mir fehlte ganz einfach der Mut dazu. Heute – im Alter von 57 Jahren – wird diese Frage wieder aktuell. Ich habe mich entschlossen, vor meinem Altersrücktritt die Arbeitszeit auf 80 Prozent zu reduzieren.
Welche alternativen Arbeitszeitmodelle können Sie den Mitarbeitenden anbieten?
Wir haben bei der ZKB bereits vor Jahren die Jahresarbeitszeit als Grundmodell eingeführt. Teilzeitarbeit ist heute ebenfalls stark verbreitet, zunehmend auch bei Männern. Sehr beliebt ist die befristete Teilzeit im Rahmen von Weiterbildugen. Seit fünf Jahren kennen wir das Konzept der gleitenden Pensionierung ab 56 Jahren beziehungsweise künftig ab 58 Jahren. Auch Jobsharing ist bei uns möglich, jedoch wenig verbreitet. Die Minusstunden- Regelung ermöglicht den Vorgesetzten, den Mitarbeitenden in eigener Kompetenz pro Jahr maximal vier Wochen unbezahlte Abwesenheit zu gewähren. Telearbeit ist ein Modell, das bei uns punktuell in der Informatik sowie im Aussendienst zum Einsatz kommt. Unser Mutterschaftskonzept bietet Mitarbeiterinnen, die Mutter werden und im Berufsleben bleiben wollen, eine erhöhte Flexibilität. Während 12 Monaten können sie den 16-wöchigen Mutterschaftsurlaub durch unbezahlten Urlaub verlängern und ihren Einsatz danach mit unserer Bank regeln. Väter erhalten zwei Wochen Vaterschaftsurlaub. Wir sind auch bezüglich der Bewilligung von unbezahltem Urlaub grosszügig.
In gewissen Unternehmen sind Sabbaticals für höhere Kader Pflicht. Wie stellt sich die ZKB zu dieser Frage?
Bei unserer Bank können Inhaber von Schlüsselpositionen schon seit längerer Zeit ein Sabbatical beziehen, und zwar auf freiwilliger Basis. Seit Anfang 2009 können alle Mitarbeitenden ab 40 Jahren sowie mit mindestens 15 Dienstjahren von der Möglichkeit eines Sabbaticals profitieren. Dieses soll mindestens 30 und maximal 50 Arbeitstage dauern. Sowohl der Mitarbeitende wie auch die Bank beteiligen sich daran mit bezahltem und unbezahltem Urlaub.
Aus welchen Gründen bietet die ZKB diese alternativen Arbeitszeitmodelle an?
Die ZKB ist eine Arbeitgeberin, die der Entwicklung in der Gesellschaft Rechnung trägt und Familienfreundlichkeit bewusst fördert. Zudem will die Bank nicht auf das Know-how von qualifizierten Arbeitskräften verzichten, die reduziert arbeiten wol- len. Teilzeitmitarbeitende sind motiviert, leistungsfähig und zufrieden mit ihrer Lebensgestaltung. Mit Teilzeitarbeit können monotone Arbeiten – etwa im Zahlungsverkehr – aufgeteilt und Ressourcen gezielt und kostensparend eingesetzt werden; das ist also auch betriebswirtschaftlich interessant. Mit der gleitenden Pensionierung kann der Wissenstransfer bewusster erfolgen, und Fach- oder Führungsaufgaben können sukzessive abgegeben werden. Das schafft für junge Nachwuchskräfte neue Perspektiven. Und wenn Mütter mit einem Fuss im Arbeitsprozess verbleiben, ist das für beide Seiten ein Vorteil, weil die Arbeitsmarkt- und Einsatzfähigkeit erhalten bleiben. Diese Arbeitsmodelle erhöhen beidseitig die Flexibilität. In den meisten Fällen resultiert eine Win-Win- Situation.
Welchen Mehraufwand bringen flexible Arbeitsformen?
Mit meinem eigenen Team habe ich erfahren, dass sich Teilzeit erschwerend auswirken kann, zum Beispiel wenn es darum geht, Sitzungstermine festzulegen, oder beim generellen Informationsfluss. Der Koordinationsaufwand wird bedeutend höher. Da wir mehr Leute für die gleichen Stellenprozente haben, bedingt das auch mehr Mitarbeitergespräche und -beurteilungen. Namentlich Jobsharing verlangt eine gute Organisation. Die beiden Personen, die sich den Job teilen, müssen hier sehr gut zusammenspielen.
Teilen sich beim Jobsharing vor allem Frauen solche Stellen, oder machen auch Männer mit?
Alle mir bekannten Jobsharings in unserer Bank beschränken sich auf Frauen. Bei Teilzeit ist der Anteil der Frauen ebenfalls höher. Die Männer holen aber auf, weil junge Väter meist mit Frauen verheiratet sind, die ebenfalls berufstätig bleiben wollen.
Weshalb arbeiten weniger Männer Teilzeit?
Der Karrieregedanke steht bei Männern stärker im Vordergrund. Sie stehen voll im Beruf und gehen darin auf. Junge Frauen hingegen befassen sich schon früh mit dem Gedanken, wie sie Beruf und später auch Familie verbinden können. Auch das heutige Rollenverständnis zeigt, dass in der Praxis oft die Frau den grösseren Anteil der Erziehungsarbeit und der Haushaltsführung übernimmt.
Ist Teilzeit für Männer ein Karrierekiller?
Nicht bei uns; wir haben Teilzeitarbeitende auf allen Hierarchiestufen, sogar im Direktionskader. Auch bei Beförderungen ist Teilzeit kein Stolperstein.
Inwieweit ist Teilzeitarbeit mit Führungsverantwortung vereinbar?
Führungsverantwortung lässt sich mit einem Arbeitspensum von 80 Prozent sehr wohl vereinbaren. Das ist bloss eine Frage der persönlichen Einstellung und Organisation. Bei tieferen Arbeitspensen wird es allerdings schwieriger, denken Sie nur an die Planung von Terminen für Sitzungen, Workshops oder Mitarbeitergespräche.
Welche Arbeitszeitmodelle werden sich in der Schweiz im Jahre 2030 durchgesetzt haben?
Ich kann mir vorstellen, dass in 20 Jahren vor allem Telearbeit verstärkt praktiziert wird. Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden, und es wird vermehrt Funktionen geben, die sich mittels Telearbeit gut bewältigen lassen. Weiter vermute ich, dass der Anteil an Teilzeitarbeit zunehmen wird – hoffentlich auch bei den Männern. Möglicherweise werden in Zukunft auch viele Mitarbeitende «diversifizieren» und gleichzeitig bei verschiedenen Unternehmen mit einem Teilzeitpensum tätig sein – sofern daraus nicht Konkurrenz- oder Interessenskonflikte entstehen. Ebenso erwarte ich, dass sich der Rückzug aus dem Beruf über einen längeren Zeitraum erstrecken wird; das heisst: vermehrt Beschäftigung mit stufenweiser Reduktion zwischen 58 und 70 Jahren.
Interview: Markus Zürcher