KS_Mensch_4.0.jpg

Mensch 4.0 - Sind Sie bereit?

Wenn Sie sich mit den Geschehnissen, der Entwicklung und den Fragen der industriellen und sozialen Welt beschäftigen, kommen Sie an den Begriffen „4. Industrielle Revolution“, „Digitalisierung“, „Indust-rie 4.0“ und „Internet of Things“(IoT) nicht vorbei. Man spricht von Industrie 4.0, Produktion 4.0, Finanzen 4.0, Logistik 4.0, Human Resources 4.0, Arbeiten 4.0 usw. - kurz, wir erleben einen wahren 4.0 Hype. Nun stellen sich die Fragen: Wo finden wir den Menschen? Gibt es auch den Menschen 4.0 oder den „homo digitalis“?

Die Digitalisierung und die Folgen für den Menschen
Die Digitalisierung hat Fahrt aufgenommen. Sie lässt sich nicht mehr aufhalten und wir sind gezwungen, ihr zu folgen. Oder wie es der Physiker und Philosoph Ludwig Hasler sagt: „Wer Akteur bleiben will, freundet sich mit dem neuen Zauber an, ohne sich ihm auszuliefern“ (Interview Luzerner Zeitung vom 5. März 2017).
In der Fach- und Tagespresse wird darüber geschrieben, dass Berufe aufgrund der Digitalisierung verschwinden, aber auch, dass neue Berufe entstehen und uns deshalb die Arbeit trotz Digitalisierung nicht ausgeht.
Dr. Reinhard Riedl, wissenschaftlicher Leiter des Fachbereichs Wirtschaft an der Berner Fachhochschule (Interview Luzerner Zeitung vom 18. Februar 2017), sieht in der Digitalisierung folgende Trends:

  • Die Geschäftsprozessintegration geschieht organisationsübergreifend und ermöglicht die dynamische Optimierung von Abläufen.
  • Es wird Broker für alles geben und über Internetplattformen wird ein fast uneingeschränkter Abgleich von Angebot und Nachfrage ermöglicht werden.
  • Der Kunde wird zum eigenständigen Markt, beziehungsweise wird eine radikale Personalisierung stattfinden.

Eine radikale Personalisierung des Marktes bei ca. 7,5 Milliarden Erdbewohnenden - wie hochkomplex und unübersichtlich wird dies?!
Die bisherigen drei industriellen Revolutionen haben dem Menschen zum Wohle gedient. Sie vereinfachten uns das Leben, führten zu besserer Gesundheit und Wohlstand. In der Industrie 4.0. mit dem IoT sind nicht nur wir Menschen miteinander vernetzt, sondern auch die Dinge und Maschinen in unserem Umfeld.

Heute sind wir, nebst den hochoptimierten und effizienten Arbeits- und Produktionsprozessen, von einer immer innovativeren und schneller werdenden Informations- und Kommunikationstechnologie vollständig umgeben. Wir setzen diese tagtäglich ein und sind dieser Art zu kommunizieren zum Teil bereits ausgeliefert.

Der arbeitstätige Mensch ist zukünftig somit noch mehr gezwungen, sich beruflich und persönlich neu zu orientieren. Dies war auch in der Vergangenheit der Fall, jedoch musste er sich wohl noch niemals zuvor mit einer solchen Komplexität, Dynamik und Geschwindigkeit auseinandersetzen.

Kann der Mensch in der digitalen Revolution sein Dasein noch selber gestalten?
In meiner Arbeit als Coach und Organisationsberater habe ich regelmässig mit Menschen aus Führungs- und Fachfunktionen zu tun, die sich fragen, wie sie mit den immer schneller werdenden Veränderungen im Berufsalltag persönlich, als Mensch und Führungskraft umgehen sollen. Die Frage: „Wie kann ich mit meinem Unternehmen, meinem Team und mir selber dieser Wandlung begegnen?“, steht immer mehr im Vordergrund.

Ich stelle fest, dass dem Menschen als Individuum und dessen Zukunft in der aktuell stattfindenden, digitalen Revolution kaum eine wirkliche Beachtung geschenkt wird. Es wird vor allem darüber gesprochen, wie sich die Berufswelt verändern wird und wer mehr oder weniger Chancen in der Arbeitswelt haben wird.

Zukünftig wird der neue Arbeitskollege, die neue Arbeitskollegin wahrscheinlich nicht mehr jene Person sein, mit welcher man sich wie bisher während der Arbeit, in der Pause unkompliziert austauschen und gemeinsam einen Kaffee trinken, eine Zigarette rauchen oder sich über Fussball, Modetrends oder andere menschbewegende Themen unterhalten kann. Selbstlernende Systeme, sogenannte künstliche Intelligenzen (KI) werden uns zunehmend bestimmen, mit uns arbeiten und kommunizieren. Die Firma Apple zeigt uns mit der bereits massentauglichen Software Siri (Speech Interpretation and Recognition Interface) auf, was heute schon möglich ist und zukünftig noch im grösseren Ausmass möglich sein wird.

Der Mensch wird sich der Maschine anpassen müssen. Anders als in den ersten drei Revolutionen, als die Maschine vor allem für die Menschen im Dienst stand. Die Arbeitswelt wird demnach noch intellektueller und noch viel anspruchsvoller. Das wird bedeuten, dass nicht mehr alle Arbeitnehmenden mit den Anforderungen des Arbeitsprozesses mithalten können. Vor allem für Arbeitskräfte, welche repetitive oder administrative Arbeiten erledigen, wird es im Arbeitsmarkt zunehmend schwieriger werden.

Algorithmen haben schon längst die Kontrollfunktionen in einem grossen Teil unseres Alltags übernommen. Unsere „digitalen Daten“ sind Gold wert und werden vermehrt ein Rohstoff für die neue Industrie sein. Sie werden heute schon ausgewertet und genauso wie unsere Adressdaten verkauft.

Der Handel mit den Daten ist voll im Gang, ob wir dem zustimmen oder nicht. Es wird immer undurchsichtiger werden, wer unsere Privatsphäre wie und wo beeinflusst und wo unsere Daten schliesslich im unendlichen Raum von „Big Data“ landen.
Die Chancen und Risiken werden in das unendlich Unübersichtliche wachsen. Es eröffnen sich unzählig viele Chancen und Möglichkeiten, aber wer viele Möglichkeiten hat, trägt auch viel Selbstverantwortung für sein Tun, Handeln und dessen Auswirkungen. Ob sich das menschliche Dasein wirklich noch so wie in der Vergangenheit gestalten lässt, wird sich zeigen.

Entscheidungsprozesse in Trump’scher Manier
In Zukunft können wir nicht mehr wie bisher auf unsere gewohnten Systeme und Strukturen zurückgreifen. Es wird schwieriger werden, Vorkommnisse einzuschätzen, weil uns vertraute und wichtige Referenzpunkte fehlen werden.
In unserer neuen Multioptionsgesellschaft mit dem maximalen Individualismus wird es immer weniger Instanzen (Arbeitgeber, Parteien, Kirche, Staat, Familien usw.) geben, welche uns dabei unterstützen, unsere Leitlinien zu finden. Entscheide werden noch schneller, fliessender und unberechenbarer fallen und von noch grösserer Tragweite sein.
Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten, zeigt uns seit Beginn seiner Amtszeit, wie sich unberechenbares, willkürliches und auch unverantwortliches Handeln anfühlt. Bereits seit den ersten Stunden seiner Amtszeit hat er Staatsregierungen brüskiert, die ganze Welt aufgerüttelt und schockiert.
Lebt uns Mister Trump schon jetzt vor, wie zukünftig Entscheidungsprozesse vollzogen werden? Welche Massstäbe werden in Zukunft noch gelten? Worin können wir noch vertrauen?


Was bedeutet dies für den heutigen Menschen und jenen der Zukunft?
Es wird von grosser Wichtigkeit sein, die Fähigkeit zu besitzen, die Signale unseres emotionalen Bewusstseins zu empfangen und richtig einzuschätzen. Wir werden nicht darum herumkommen, unser emotionales Bewusstsein wieder zu sensibilisieren und Vertrauen in dessen Signale und Meldungen zu finden.

Abrupte Wechsel sind für uns Menschen auf Dauer ungesund, überfordernd, schädigend und können uns gar zerstören. Wir alle wissen, was das vielbesagte „Burnout“ auslösen kann. Da die menschliche Physis weder ein modernes Auto oder ein elektronisches Gerät ist, können wir noch nicht über Schnittstellen unsere „Hardware“, unser „Betriebssystem“ über ein Software-Update auf den neusten Stand setzen, reseten oder partiell anpassen.

Auch wenn wir uns dessen oft nicht bewusst sind, die menschliche Spezies ist mit dem analogen Rhythmus der Natur, dem Biorhythmus verkoppelt und ist ein Teil davon. Deshalb brauchen wir klare Abläufe, welche uns als Leitlinien dienen und uns im Alltag Sicherheit und Geborgenheit geben.

Es stellen sich deshalb die folgenden Fragen:

  • Woran orientiere ich mich?
  • Was und wer ist für mich verlässlich?
  • Was ist wirklich und was nur virtuell?
  • Wer meint es ernst mit mir und wer gaukelt mir etwas vor, um von mir zu profitieren?
  • Wo liegt ein wahrer Wert zu Grunde?
  • Wo bin ich in welcher Situation und was ist meine Position, meine Rolle?


Die Methode „Theorie U“ als Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft
Der Prozess der „Theorie U“ von Dr. Otto C. Scharmer bietet sehr gute Grundlagen und Möglichkeiten, sich diesen Fragen zu stellen und sich mit dem eigenen Bewusstsein auf allen Ebenen eingehend zu befassen. Auf einfache aber sehr wirksame Art und Weise unterstützt dieser Prozess die Entwicklung von eigenen und unternehmerischen Zukunftsideen.

Es geht darum,

  • dass wir unsere Situationen möglichst umfassend erkennen und anerkennen, achtsam Handeln und die Verantwortung für uns selber übernehmen.
  • sich selber echte und sinnvolle Ziele zu setzen und die eigenen Ressourcen einzuschätzen, welche zum Erreichen der gesetzten Ziele notwendig sind.
  • sich auf das Ziel zu konzentrieren und im Angebot des maximalen Individualismus und in der Masse der Angebote die Konzentration und Ausrichtung zu behalten und sich nicht zu verlieren.
  • dass wir wieder mehr unser emotionales Bewusstsein in unsere Entscheidungen einbinden.

Gerade in diesen Bereichen zeigt die Anwendung der Theorie U, weil sie auch das emotionale Bewusstsein in den Prozess einbindet, sehr gut auf, wie ein eigener Weg gegangen und umgesetzt werden kann.

So wird es für uns in Zukunft wichtig sein, dass wir unser emotionales Bewusstsein wieder mehr in unsere Entscheidungen einbinden. Mit dieser Methode können wir wieder erfahren und lernen, möglichst umfassende und nachhaltige Entscheide zu treffen. Dies wird uns dabei unterstützen, den neuen Anforderungen der sogenannten Industrie 4.0 offener zu begegnen und mit ihr besser umzugehen.

Vom Mensch 4.0 wird mit der 4. Industriellen Revolution mehr haptische, kognitive und emotionale Agilität verlangt. Nur so können wir unsere Möglichkeiten mit der Industrie 4.0 voll und zu unserem Vorteil ausschöpfen. Begegnen wir dem Zauber als Akteure und handeln wir nach dem Leitsatz des Schweizer Pädagogen der ersten Stunde, Johann Heinrich Pestalozzi, mit Verstand–Herz–Hand.

So handeln wir selber, bevor wir nur noch gehandelt werden.

 

Markus Bieri
Coaching Consulting Communication, markusbieri.ch